Wer oder was ist fremd?
Leben | Kiku
‎30‎.‎01‎.‎2017
Wer oder was ist fremd?

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Szenenfoto aus „FremdKörper – The social life of strange“ © Bild: Rauchecker Photography
Spannende, vielschichtige, intensive Tanz-Performance „FremdKörper – The social life of strange“ im Wiener WuK.

 

Rosa, blau, orange und grün – die verschiedenen Farben der Eintrittskarten teilen die Besucher_innen nicht nur zwecks Gleich-Verteilung auf die vier Seiten des Projektraums im Wiener WuK auf. Die Mitarbeiter_innen bei der Kassa treffen ihre Farbwahl für die Gäste nach groben äußerlichen Kriterien – Vorurteilen. Um solche, vor allem Frauenbilder zwischen Orient und West – dreht sich die rund einstündige Performance „FremdKörper – The social life of strange“.
Wächterinnen mit an Kettenhemden erinnernden Oberteilen und Gesichtsverhüllungen sorgen für den kontrollierten Einlass, eine weitere – nicht verhüllte – streng wirkende Frau stempelt die Eintrittskarten auf einem Podest, das später zur Bühne werden wird. Kontrollgänge vor den rundum angeordneten Zuschauer_innen.

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Neue Feindbilder
„C – A – F – F – E – E, trink nicht so viel Kaffee, nicht für Kinder ist der Türkentrank… sei doch kein Muselman, der ihn nicht lassen kann…“ – ein altes Kinderlied – gesungen von der Abstemplerin und später noch als Musikerin in Erscheinung tretenden „Oberaufseherin“ Golnar Shahyar verstärkt die Stoßrichtung der Auseinandersetzung rund um das seit 9/11 aufgebaute Feindbild nachdem der einstige „Osten“ abhanden gekommen ist.
In der Folge tanzen Meyaseh Khodad und Nora Pider – Zweitere in hohen Stiefeln, erstere in coolen Sneakers mit bunten Leuchtpunkten – rund um die und auf der Bühne. An einem Ende Stufen und Vierkant-Rohre und am anderen eine zur Lampe umfunktionierte Trockenhaube und ebenfalls, aber kürzere Vierkantrohre verleihen der gesamten Stahlkonstruktion mit wenig Holzverkleidung von den Längsseiten aus betrachtet das Aussehen einer auf allen Vieren knienden Frau. Es wird also oft auf ihrem Rücken herum getanzt, manchmal auch getrumpelt (!).
Blicke auf Frauen(körper)

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Szenenfoto aus „FremdKörper – The social life of strange“ © Bild: rauchecker photography
Manchmal mehr ver- dann wieder stärker ent-hüllt wird vor allem die „westliche“ Sichtweise auf orientalische Frauen – von der Vollverschleierung bis zur Bauchtänzerin – dargestellt, übertrieben klischeehaft, um das Hinterfragen leichter anzustoßen. Aber auch die umgekehrte Perspektive – auf die Konsumismus-Frau mit ihren Schönheitsideal-Anforderungen und Verbiegungen wird getanzt. Dazwischen montieren die beiden Tänzerinnen der „Bühnen-Frau“ Arme und Beine ab, um sie an einer Art „Hang-Man“ zu befestigen, der nun von außen auf das Geschehen – nein nicht schaut, diese Figur hat keinen Kopf – kopf- oder hirnlose Betrachtung?!
Zuguter letzt funktionieren die beiden Tänzerinnen die Trockenhauben-Lampe – gleichzeitig der „Kopf“ der knienden Frau – in einen Spiegel um – Selbsterkenntnis obendrein mit Blick auf die Tanz- & Performance-Partnerin…

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Fremdkörper-The social life of strange

Langer Prozess
Szenenfoto aus „FremdKörper – The social life of strange“ © Bild: Rauchecker Photography
Das Stück ist Ergebnis eines – wie Regisseurin Ulduz Ahmadzadeh und die Beteiligten erzählen – eines sehr langen Prozesses an dessen Beginn die Suche, Recherche nach dem, eigentlich der „neuen Fremden“ stand. „Es gab kein Skript oder Drehbuch, alles ist im gemeinsamen Prozess entwickelt worden. Wobei die beiden Tänzerinnen die ersten Wochen jede für sich allein geprobt und gearbeitet hat.“
„Das Aufeinandertreffen“, so insbesondere Nora Pider, „war dann heftig, da hat’s richtig geklescht“. Dabei waren/sind die Ansichten der beiden Tänzerinnen gar nicht so verschieden, denn die Meyaseh Khodad, deren Familie aus dem Irak kam, ist in (Nieder-)Österreich aufgewachsen. Dafür gestand Ulduz Ahmadzadeh, die mit Mitte 20 aus dem Iran hierher kam, sei es nicht leicht gewesen, mit einer Tänzerin aus dem „Feindesland Irak“ zu arbeiten. Immerhin gab es zwischen 1980 und 1988 Krieg zwischen den beiden Ländern. Alle Differenzen wurden aber natürlich bald überlagert von der Gemeinsamkeit zu eben diesem Thema „Fremd“ sowie (Frauen-)„Körper“ zu arbeiten. Mit der Erkenntnis, das Fremde liege vor allem in sich selbst, im Betrachten/Spüren des/der anderen – DER Schlüssel schlechthin zum Verständnis, zum Herausfinden der Gemeinsamkeiten und letztlich zur Verringerung von Ängsten.